Du hast die stärkere Vorhand, den besseren Aufschlag und mehr Möglichkeiten zum Angriff. Trotzdem verlässt du den Platz als Verlierer gegen einen Gegner, den du für absolut schlagbar hältst.
Brad Gilbert hat dafür eine Erklärung: Manchmal versuchen wir zu viel. Wir gehen Risiken ein, die die Situation nicht verlangt, beenden Ballwechsel überhastet und nehmen dem Gegner die Aufgabe ab, seine Punkte selbst zu gewinnen.
Seiner Ansicht nach beginnt der Weg zu mehr Siegen oft mit besseren Entscheidungen bei den Schlägen, die wir bereits beherrschen.
Gib deinem Gegner die Chance, Fehler zu machen
Als Gilbert beginnt, mit Andre Agassi zu arbeiten, sieht er einen Spieler mit enormen Fähigkeiten, der sie nicht immer effektiv nutzt. Agassi kann viele Winner schlagen, sie aber auch durch eine große Zahl unerzwungener Fehler wieder zunichtemachen.
Die Veränderung, die Gilbert anstrebt, liegt in der Denkweise. Ein guter Ball kann genug Druck erzeugen, ohne ein Abschlussschlag zu sein. Wenn du den Ballwechsel ständig selbst beendest – mit einem Winner oder einem Fehler –, muss dein Gegner selten schwierige Aufgaben lösen.
Für Hobbyspieler bedeutet das, zwei Situationen zu unterscheiden: einen Ball, der einen Angriff erlaubt, und einen Ball, bei dem es klüger ist, den Druck aufrechtzuerhalten und auf eine bessere Gelegenheit zu warten.
Das Ziel: Jeder Angriff braucht einen Grund.
Passe dein Risiko an das konkrete Match an
Spielen am Limit kann einen beeindruckenden Sieg bringen. Derselbe Ansatz kann aber einem Gegner eine unnötige Chance geben, den du mit mehr Beständigkeit ausspielen könntest.
Gilbert betont, dass es keine Einheitslösung gibt. Manche Spieler riskieren viel zu viel, andere zögern, wenn sie die Initiative ergreifen sollten.
Die hilfreiche Frage lautet: „Wie viel Risiko brauche ich heute gegen diesen Gegner?“
Die Antwort hängt davon ab, was du mit deinen Schlägen bewirkst und wie der Mensch auf der anderen Seite reagiert.
Gib eine erfolgreiche Taktik nicht auf
Spieler ändern manchmal etwas, das funktioniert, weil sie Angst haben, berechenbar zu werden. Gilbert nutzt einen Vorteil lieber weiter, bis der Gegner zeigt, dass er etwas dagegen ausrichten kann.
Wenn der Aufschlag nach außen regelmäßig einen schwachen Return bringt, nutze ihn. Wenn dein Gegner hohe Bälle auf die Rückhand nur schwer kontrolliert, bring ihn immer wieder in diese Situation.
Berechenbarkeit an sich ist kein Problem, wenn der andere keine wirksame Antwort hat.
Dasselbe gilt für Netzangriffe. Wenn du fast jeden davon gewinnst, überlege, ob du diese Möglichkeit oft genug nutzt.
Erkenne, wann es Zeit für eine Änderung ist
An einem Plan festzuhalten ist sinnvoll, wenn er Chancen schafft. Wenn du deutlich verlierst und sich immer wieder dieselben Situationen zugunsten des Gegners wiederholen, solltest du eine Korrektur versuchen.
Du kannst deine Returnposition ändern, die Höhe und das Tempo des Balls oder die Richtung, in der du den Ballwechsel aufbaust. Es ist nicht nötig, dein ganzes Spiel auf einmal umzukrempeln.
Ein knapp verlorener Satz beweist allerdings nicht, dass die Taktik falsch ist. Manchmal entscheiden ein paar Punkte über das Ergebnis. Wichtig ist zu beurteilen, wie das Spiel verläuft, und nicht nur, was die Anzeigetafel zeigt.
Gib dem Gegner den Ball, den er nicht mag
Gilbert erzählt eine aufschlussreiche Geschichte über ein Match von Agassi gegen Karol Kučera. Harte Schläge erlaubten es Kučera, das Tempo des Balls zu nutzen und ihn erfolgreich umzulenken.
Die Lösung war für Agassi ungewöhnlich: höhere Bälle durch die Mitte. So bekam der Gegner weniger günstige Winkel und musste Tempo und Initiative selbst erzeugen.
Die Erkenntnis gilt auf jedem Niveau: Dein beeindruckendster Schlag ist nicht immer der unangenehmste für deinen Gegner. Beobachte, was ihm tatsächlich Schwierigkeiten bereitet.
Kehre unter Druck zu deinen Stärken zurück
Am Ende eines Satzes ändern Spieler oft ihr Verhalten. Die einen spielen plötzlich zu vorsichtig, die anderen suchen überhastet den Abschlussschlag.
Gilbert rät, sich auf das zu stützen, was du gut kannst. Wenn dein verlässliches Muster Aufschlag und anschließende Vorhand ist, nutze es auch bei den wichtigen Punkten.
Das bedeutet, eine klare Absicht und eine angemessene Sicherheitsmarge beizubehalten. Richte deine Aufmerksamkeit auf die Ausführung des nächsten Punktes statt auf die Folgen einer möglichen Niederlage.
Verbessere eine konkrete Kennzahl
Nicht jede Entwicklung erfordert eine technische Änderung. Gilbert beschreibt, wie er bei Agassi den Fokus auf das Durchbringen der eigenen Aufschlagspiele legt, weil dessen Returnspiel bereits außergewöhnlich stark ist.
Für Hobbyspieler ist ein sinnvoller Anfang, einige eigene Matches auszuwerten. Wo verlierst du am häufigsten Punkte? Verschenkst du Punkte beim Return gegen den zweiten Aufschlag? Überhastest du den ersten Schlag nach dem Aufschlag? Lässt du gute Angriffschancen aus?
Wähle ein wiederkehrendes Problem aus und arbeite gezielt daran. Kleine Verbesserungen zählen, wenn sie im Match immer wieder auftreten.
Drei Fragen für den nächsten Seitenwechsel
Die Umsetzung dieser Ideen kann mit einem kurzen Check beginnen:
- Was bringt mir heute Punkte?
- Wo verschenke ich unnötig Punkte?
- Welche eine Änderung kann ich jetzt ausprobieren?
Die Antworten helfen dir, deine Aufmerksamkeit wieder auf die Aufgaben auf dem Platz zu lenken. Genau darin liegt der Kern von Gilberts Ansatz: Nutze deine Möglichkeiten klug und finde einen Weg, dieses konkrete Match mit dem Spiel zu gewinnen, das dir heute zur Verfügung steht.
Quelle: die bereitgestellten Untertitel des Interviews „Why You’re Losing Tennis Matches You Should Win — Brad Gilbert“. Die praktischen Fragen und Anwendungen für Hobbyspieler sind eine redaktionelle Adaption der besprochenen Ideen.