Ein kraftvoller Aufschlag wird oft mit einem starken Arm verbunden. Die Biomechanik der Bewegung zeigt jedoch etwas viel Interessanteres: Die Aufschlaggeschwindigkeit ist das Ergebnis einer koordinierten Bewegungsfolge des ganzen Körpers.
Die Beine erzeugen Kraft gegen den Boden, der Körper überträgt sie über Hüfte und Rumpf nach oben, Schulter und Arm beschleunigen den Schläger, und das richtige Timing lässt die gesammelte Energie den Ball erreichen.
Ein schnellerer Aufschlag bedeutet also nicht einfach „fester schlagen“. Er bedeutet, Kraft effizienter zu erzeugen und zu übertragen.
Der Aufschlag ist eine kinetische Kette
Der Tennisaufschlag ist eine der komplexesten Bewegungen im Sport. Statt dass einzelne Körperteile unabhängig arbeiten, sind sie Teil einer aufeinanderfolgenden kinetischen Kette:
Boden → Beine → Hüfte → Rumpf → Schulter → Arm → Schläger → Ball
Das Ziel ist nicht, dass sich alle Segmente gleichzeitig maximal schnell bewegen. Sie müssen sich in der richtigen Reihenfolge einschalten.
Die Beine beginnen die Bewegung. Hüfte und Rumpf setzen die Beschleunigung fort. Danach können Schulter, Unterarm und Schläger eine viel höhere Geschwindigkeit erreichen.
Wenn ein Glied der Kette zu spät kommt oder die Energie nicht gut überträgt, müssen die folgenden Segmente kompensieren. Genau deshalb bringt der Versuch, mehr Geschwindigkeit allein mit dem Arm zu erzeugen, oft wenig.

Was zeigt die Forschung?
Ein systematischer Review mit Meta-Analyse in Frontiers in Physiology untersuchte die Wirkung verschiedener Kraft- und Konditionsprogramme auf die Aufschlaggeschwindigkeit. Von ursprünglich 271 identifizierten Publikationen wurden 16 Studien mit ausreichender Qualität in die quantitative Analyse aufgenommen.
Klassisches Krafttraining verbessert die Aufschlaggeschwindigkeit, der Effekt ist aber relativ klein: Krafttraining – Effektstärke ≈ 0,53. Kombiniert das Training verschiedene physische Qualitäten, ist der Effekt größer: multimodales Training – Effektstärke ≈ 0,79.
Für einen schnelleren Aufschlag reicht es nicht, einfach stärker zu werden. Man muss lernen, Kraft schnell und koordiniert in einer Bewegung einzusetzen, die mit dem Aufschlag zu tun hat.

1. Die Beine sind der Anfang, nicht nur Unterstützung
Bei einem guten Aufschlag sind die Beine keine dekorative Bewegung vor dem Schlag. Das Beugen der Knie und die anschließende Streckung erlauben dem Spieler, mit dem Boden zu interagieren und den Körper nach oben zu beschleunigen.
Wichtig ist dabei: tieferes Kniebeugen bedeutet nicht automatisch einen schnelleren Aufschlag. Eine systematische Meta-Analyse der Aufschlagkinematik zeigt, dass Rumpfneigung und Beugung des vorderen Knies zu den am häufigsten untersuchten Parametern in der Trophy-Position gehören. Die Wissenschaft liefert jedoch keine „magische“ Position, die jeder kopieren müsste.
Wichtiger ist, wie die Position es erlaubt, die Bewegung fortzusetzen. Die Beine müssen einen Impuls erzeugen, den der Rest des Körpers nutzen kann.
2. Die Rotation des Körpers ist das Schlüsselglied
Nach den Beinen folgt einer der wichtigsten Teile der Kette: Hüfte und Rumpf. Sie verbinden Unter- und Oberkörper. Erzeugen die Beine Kraft, überträgt der Rumpf sie aber nicht effizient, geht ein großer Teil der möglichen Beschleunigung verloren.
Deshalb sollten Core-Übungen im Tennis nicht nur als Übungen für einen „starken Bauch“ verstanden werden. Wichtiger ist die Fähigkeit des Körpers:
- zu stabilisieren;
- Rotation zu kontrollieren;
- Rotation zu beschleunigen;
- Kraft zwischen Unter- und Oberkörper zu übertragen.
Deshalb haben rotatorische Medizinball-Übungen einen viel direkteren Bezug zum Tennis als viele klassische isolierte Übungen.
3. Die Schulter muss zugleich mobil und stabil sein
In der Phase vor der Beschleunigung erreicht der Schläger eine tiefe Position hinter dem Körper, während die Schulter eine deutliche Außenrotation durchläuft. Eine Meta-Analyse von 27 biomechanischen Studien berichtet im Racket-Low-Point im Mittel etwa 130° Außenrotation der Schulter.
Das heißt nicht, dass ein Spieler bewusst einen bestimmten Winkel erreichen soll. Im Gegenteil – es zeigt, wie hoch die Anforderungen des Aufschlags an die Schulter sind. Nötig ist eine Kombination aus Mobilität + Stabilität + Kraft + Timing.
Schultertraining sollte deshalb nicht nur auf Krafterzeugung zielen. Rotatorenmanschette, Schulterblattstabilisatoren und Bewegungskontrolle gehören zum System.
4. Explosivität ist wichtiger als absolute Kraft
Stellen Sie sich zwei Spieler vor. Der eine kann sehr große Kraft erzeugen, aber relativ langsam. Der andere erzeugt etwas weniger Maximalkraft, dafür extrem schnell. Für den Aufschlag ist die zweite Qualität besonders wichtig.
Der Ballkontakt erfolgt nach einer schnellen Bewegungsfolge, und es bleibt keine Zeit, Maximalkraft allmählich aufzubauen. Deshalb sollte Aufschlagtraining Übungen zur schnellen Krafterzeugung enthalten: Plyometrie, Sprünge, Medizinballwürfe und explosive Bewegungen.
Das wird auch durch eine breitere Meta-Analyse zum neuromuskulären Training im Tennis gestützt – die Auswertung von 23 Studien mit 743 Teilnehmenden zeigt Verbesserungen nicht nur bei Kraft und Power, sondern auch bei der Aufschlaggeschwindigkeit.
5. Der Medizinball ist ein besonders geeignetes Werkzeug
Der Grund ist nicht, dass die Bewegung den Aufschlag wörtlich imitieren müsste. Medizinballwürfe erlauben es zu trainieren:
- Krafterzeugung aus den Beinen;
- Rotation;
- Kraftübertragung durch den Rumpf;
- explosive Bewegung;
- Koordination zwischen den Segmenten.
In einer Studie mit Nachwuchs-Wettkampfspielern führte ein sechswöchiges Programm mit Core-Training, elastischem Widerstand und Medizinball-Übungen zu einer besseren Aufschlaggeschwindigkeit. Die Kombination ist wichtiger als eine einzelne isolierte Übung.
6. Mehr Muskeln bedeuten nicht automatisch einen schnelleren Aufschlag
Das ist einer der häufigsten Fehler in der Athletik. Der Spieler trainiert Bankdrücken, Schulterdrücken, Bizeps, Trizeps… wird stärker, der Aufschlag verändert sich aber kaum.
Der Grund ist einfach: allgemeine Kraft und die spezifische Fähigkeit, den Schläger zu beschleunigen, sind nicht dieselbe Qualität. Kraft schafft physisches Potenzial. Technik und neuromuskuläre Koordination bestimmen, wie viel davon genutzt werden kann.
Das richtige Modell lautet daher Kraft → Power → Koordination → Transfer → Schlägergeschwindigkeit und nicht „mehr Muskeln → schnellerer Aufschlag“.
7. Die Technik bleibt der entscheidende Faktor
Kein Fitnessprogramm kann ernsthafte technische Probleme ausgleichen. Ein Spieler kann Beinkraft, Rumpfkraft und Schulterpower steigern – ist die Bewegungsfolge gestört, erreicht ein Teil dieser Kraft den Schläger nie.
Genau hier treffen sich Biomechanik und Athletiktraining. Gute Technik erlaubt die Übertragung der Kraft. Gute Athletik erhöht die Kraft, die übertragen werden kann. Beides gehört zusammen.
Wie man praktisch für einen schnelleren Aufschlag trainiert

Kraft
- Kniebeugen-Varianten;
- Ausfallschritte;
- rumänisches Kreuzheben;
- Rudern und Zugbewegungen;
- kontrollierte Druckbewegungen.
Explosivität
- vertikale Sprünge;
- seitliche Sprünge;
- Bounds;
- rotatorische Medizinballwürfe;
- Überkopf-Medizinballwürfe.
Core und Rotation
- Pallof Press;
- Kabelrotationen;
- Medizinballwürfe;
- Anti-Rotations-Übungen.
Schulter und Schulterblatt
- Außenrotationsübungen;
- Face Pulls;
- Skapula-Kontrolle;
- Kräftigung der Rotatorenmanschette.
Und zuletzt – der Aufschlag selbst
Der Transfer muss auf dem Platz abgeschlossen werden. Athletik schafft Potenzial. Der Aufschlag macht daraus eine Tennisfertigkeit.
Jagen Sie keine Geschwindigkeit auf Kosten der Kontrolle
Ein schnellerer Ball bringt wenig, wenn die Quote der ersten Aufschläge einbricht. Geschwindigkeit muss deshalb zusammen mit Genauigkeit + Konstanz + Platzierung + Spin betrachtet werden. Das Ziel ist nicht der schnellstmögliche einzelne Aufschlag, sondern eine höhere nutzbare Geschwindigkeit im echten Match.
Fazit
Die Wissenschaft zeigt, dass die Aufschlaggeschwindigkeit durch Athletiktraining verbessert werden kann. Der beste Weg ist aber nicht einfach mehr Kraft. Das wirksamere Modell kombiniert Kraft + Explosivität + Rotation + Stabilität + Koordination + Technik.
Der Aufschlag ist ein System. Die Beine erzeugen den Impuls. Hüfte und Rumpf übertragen ihn. Schulter und Arm beschleunigen den Schläger. Die Technik entscheidet, ob diese Energie den Ball effizient erreicht.
Statt „Wie schlage ich fester?“ lautet die nützlichere Frage: „Wie übertrage ich mehr von der Kraft meines Körpers auf den Schläger?“
Wissenschaftliche Quellen
- Deng N, Soh KG, Xu F, Yang X. The effects of strength and conditioning interventions on serve speed in tennis players: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Physiology. DOI: 10.3389/fphys.2024.1469965. PubMed
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